Hallo Wolfgang,
Gernot ist zwar wie immer farbig, aber auch wie meistens am Problem vorbei und wenn Du googlest findets Du, egal ob richtig oder falsch geschrieben tausend Ideen, die teilweise Hand und Fuß haben, teilweise eher Gernot ähneln.
Werfen wir erstmal einen Blick nach England, zum Vergleich. Hauptstadt war über weite Zeiträume hinweg London (zaitweise auch Wichestester). Hauptstadt bedeutete aber auch dort nicht, dass der König immer dort residierte. Gerade englische Könige neigten oftmals dazu die Hauptstadt zu meiden, weil diese für sie selten mehr als Ärger bedeutete. Dennoch gab es bei weitem nicht so viel Reisetätigkeit der Könige in England. Abgesehen von Kriegszügen, gelegentlichen Privattrips (unter die man aber auch den 3.Krauzzug buchen müsste), waren die durchaus sesshaft. Nur eben nicht in der Hauptstadt.
Frankreich stellt ein Problem dar. Zunächst einmal, weil wir die Zeit vor Mitte des 13.Jhdts und danach unterscheiden müssen. Denn der Süden kam erst ab den Albigenserkreuzzügen wirklich „fest“ zu Frankreich. Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich der König als fester Punkt in Paris endgültig zu etablieren. Die Hauptstadt wurde hier also wirklich Königssitz, auch wenn der König ab und zu mal durchs Land reiste oder auf Kriegszug ging.
Das nur mal so als Vergleich. Wir haben also In England bereits seit dem 7.Jhdt eine Tendenz zu festen Residenzen, in Frankreich als Tendenz seit dem 9.Jhdt (eigentlich seit Karl dem Kahlen), in Deutschland jedoch kam es dazu (während des Mittelalters) eigentlich nie. Das widerlegt natürlich Gernots Theorie über eine Art Heuschreckenschwarmhof. Tatsächlich machte ein Hof von etwa 1000 Leuten (mal Knechte, Soldaten usw. eingerechnet) gegenüber dem Nahrungsmittelbedarf einer Stadt wie London oder Paris auch keinen großen Unterschied aus. Für London kennen wir Bevölkerungszahlen von 40000 im Jahr 1180 und 100000 im Jahr 1300.
Die Gründe lagen also woanders. Was machte Deutschland (und wir können ja diesen Begriff eigentlich erst seit der zweiten fränkischen Reichsteilung so verwenden) anders? Da war zunächst das Kaisertum. Das machte einen der frankischen Könige, der gleichzeitig Kaiser war, zum Reisenden. Denn sein „Gebiet“ erstreckte sich ja von Italien bis zur dänischen Grenze und von Polen bis zum Atlantik. Wobei er jedoch als König lediglich über sein eigenes Gebiet herrscte. Es war also der Kaiser, der reiste. Die Könige selbst zeigten allgemein eine Tendenz zur Errichtung von festen Residenzen. Das Mißverständnis besteht also darin, dass heir zwei Ämter miteinander vermischt werden.
Nehmen wir mal Beispiele raus:
Heinrich II war seit 1002 König des Ostfränkischen Reiches (also das, was später mehr oder weniger Deutschland wurde), aber erst seit 1014 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Aber bereits als König musste er seine Kämpfe gegen die Großen z.B. in Schwaben durchziehen. Aber bezeichnend ist, dass er immer wieder nach Mainz zurückkehrte (sein Vorgänger Otto regierte wenn möglich von Rom aus). Es war also nicht so, dass die Könige keine Residenzen hatten, sie waren nur selten daheim. Aber wie Otto, so wurde auch Heinrich dann Kaiser. Als solcher gehörte er dem ganzen Kaiserreich und hatte herumzureisen.
Konrad II wurde u.a. deutscher König. Aber nach seinem Amtsantritt 1026 wurde ein Umritt fällig. Er musste also einmal durch das gesamte Reich reisen um den Fürsten, die seiner Wahl nicht zugestimmt hatten (teilweise, weil sie gar nicht dazu angereist waren) nachträglich die Unterstützung mit Privilegien, Überzeugungsarbeit und falls nortrwendig auch Waffengewalt abzuringen. Das ist besonders schön bei Wipo nachzulesen. Der Chronist betont dabei bereits, dass eine solche Reise durch das ganze Reich für einen König ungewöhnlich sei.
Bekannt ist auch Friedrich I „Barbarossa“. Zu dessen Zeit hatte Aachen bereits wieder den Rang als die Stadt inne, in der die Krönungen stattfanden, also quasi den Hauptstadtstatus, den es während Heinrich kurzzeitig mal an Mainz verloren hatte. Auch Barbarossa wurde dort gekrönt. Aber wir können durch bloßes Auszählen der Hoftage (1 in Nürnberg, 3 in Achen, mindestens 17 in Worms, …) sehen, dass sich wiederum Mainz/Worms durchsetzt. Es gab also Hauptstädte und es gab auch hier feste Residenzen, auch wenn Barbarossa natürlich auch noch andere Pflazen hatte.
Um das jetzt wieder zusammenzufassen: Die Reisetätigkeit entstand speziell in Deutschland weniger aus der „tradition“ heraus, als der „Norwendigkeit“. Die Fürsten waren über ein großes Gebiet verteilt, hielten aber deutlich mehr Macht als z.B. ihre englischen Standesgenossen. Wenn da auch noch die Kaiserkrone dazukam, was einem gleichzeitig ja den Papst in den eigenen Hinterhof brachte, dann musste man viel reisen. Das dauerte aber in Deutschland länger als anderswo. Alleine schon die lästigen Alpen mitten im Weg nach Italien (oder wnn man auf der Südseite war, nach Deutschland), machten jede Reise auf dieser Strecke wochenlang. Andere Strecken hatten andere Feinheiten. Z.B. konnte man im Frühjahr nicht entlang der Ostseeküste reisen, nicht mit einem größeren Troß, weil das alles sumpfig war. Und natürlich hatte auch jeder der Fürsten dafür gesorgt, dass es keine durchgehenden befestigten Straßen gab, und sicher schon mal gar nicht durch „sein“ Gebiet. Verkehrstechnisch war Deutschland also ein Desaster. Wenn William I von Wichester nach Edinburg wollte, brauchte er etwa 8 Tage mit Troß. Der deutsche Kaiser brauchte von Worms bis Magdeburg 4 Wochen. Wenn der also 3 Besuche machen musste, war ein Vierteljahr rum ohne, dass er wieder mal daheim vorbeigeschaut hatte.
Ich hoffe, das gibt einen Einblick in die Problematik. Das ganze Thema ist nicht so einfach und sicher hier noch nicht abschließend dargestellt.
Gruß
Peter B.
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