verselbständigte Phantasie
Hi Kathrin
huhu
ich hab echt ein ernstes problem
Schön, daß du deinen Bericht mit einem Grusellaut beginnst … 
Es gibt mehrere Filme „The Ring“, aber du meinst sicher diesen hier?
http://us.imdb.com/title/tt0298130/
Nun, dieser Film hat schon so manches größere und kleiner Psycho-Drama ausgelöst. Warum, wieso und was, das ist natürlich individuell verschieden.
Du bist ja eigentlich mit Ritter, Tod und Teufel, mit Hexen, Alchemie und Folterkammern auf recht gutem Fuße mit deinem faible für das Mittelalter. Eine gute Basis, um auch Gefallen an manchen Experimenten mit der eigenen Phantasie zu haben.
Bei solchen Filmen, die, wie dieser, ziemlich „an die Knochen“ gehen, kann nämlich folgendes passieren: Je tiefer du dich in die Szenerien hineinkonzentrierst und je mehr du dich mit dem Geschehen identifizierst, gerätst du (und das macht ja die Spannung auch aus) in eine Art Trancezustand, in eine traumatische Disposition (verletzliche Verfassung), in der für jede Menge Assoziationen der Weg freigemacht wird: Entweder (wie es bei vielen passierte) an Selbsterlebtes, oder an vorher schon in der freien Phantasie vorgefertigte tiefsitzende Angstszenarien. Du erlebst die Szene nicht mehr mit dem Bewußtsein, daß du einen Film siehst, sondern du erlebst sie, indem du dich identifizierst mit dem Gesehenen, ohne darüber ein Bewußtsein zu haben, daß du einen Film siehst.
Nun ist das allein nicht weiter tragisch, denn es gehört zum Erleben des Spannungsverlaufs ja dazu. Wenn aber jemand eh schon viel Phantasiefähigkeit hat, sich in unreale Szenarien hineinzudenken - und das ist bei dir ja offenbar der Fall - dann kann nach dem Filmereignis - noch unter dem Eindruck dieser traumatischen Verfassung - ein reflektierender Gedanke aufkommen „Wie wäre es wohl, wenn ich diese oder jene Angst tatsächlich hätte“.
Das mag sich seltsam anhören, aber ich konnte es vielfach bestätigen, daß tatsächlich (manchmal) nicht einfach ein Angsterlebnis plötzlich vorhanden ist (so wie du es beschreibst), sondern daß dem eine kurze Phase von Einübung in den Gedanken stattfindet „Ich stelle mir vor, ich hätte diese Angst“. Wenn dieses Gedankenexperiment noch eine Stufe weitergeht „Ich stelle mir vor, ich hätte diese Angst und käme nicht mehr raus, weil ich vergesse, daß ich sie mir nur vorstelle“, dann hast du genau das Szenarium, daß auch bei Panikattacken eine Rolle spielt.
Es geht also um den Anfang eines solchen Angsterlebens, wie du es beschreibst: Und anfangen tut es nicht damit, daß du Angst hast, der Fernseher ginge an, sondern anfangen tut es mit dem Ausmalen „was ginge wohl in mir vor, wenn ich Angst hätte , daß z.B. der Fernseher von alleine anginge“. Nun, und wenn du Phantasiefähigkeit besitzt, wird dir das auch gelingen. Nicht weiter tragisch.
Ärgerlich kann es allerdings dann werden, wenn du unter dem noch nachklingenden Eindruck des Filmerlebnisses tatsächlich vergißt , daß du dich selbst in diesen Gedanken hineingeübt hast: Dann bildet sich eine Art von vorübergehender Zwangshandlung, die du (vermeintlich) nicht mehr in den Griff kriegst. Oder besser: Ein Zwangsgedanke, bei dem das Zwanghafte aber nicht in dem besteht, was dir unwillkürlich als (Angst)Gedanke zu wiederfahren scheint , sondern darin, daß du dir - ohne daß du davon ein Bewußtsein hast - diesen Gedanken erzeugst.
Falls du nun nicht in einem etwas umfangreicheren, vielleicht biografisch bedingten, Problem befangen bist (das du dann tatsächlich besser mit einem Therapeuten zusammen aufarbeitest), falls es also tatsächlich nur dieser oben beschriebene Vorgang ist, dann kannst du der Erfahrung nach davon ausgehen, daß sich das Ganze nach ein paar Wochen von alleine auflöst. Oder, wenn es schneller gehen soll, kannst du dir in (!) so einer Angstphase versuchen klarzuwerden, daß du es selbst bist, die sich dieses momentane Erleben ausmalt.
Zur Verdeutlichung ein Beispiel von einem jungen Mann (12 j.), der eigentlich ein faible für Riesenschlangen hatte (daher kannte ich ihn). Der hatte eine Nacht verbracht mit einem Roman von Conan Doyle (Sherlock Holmes), in dem jemand unter Zuhilfenahme einer Riesenschlange umgebracht worden war. Danach hatte er einige Wochen lang mit der Zwangshandlung zu schaffen, daß er sich mehrfach, bevor er einschlief, versichern mußte, daß unter seinem Bett keine Riesenschlange liegt. Wnn er sich dagegen zu wehren versuchte, konnte er nicht einschlafen. Und das, obwohl er, wie er mir versicherte, sich dabei ziemlich bescheuert vorkam, da er zu dieser Zeit ja zugleich den Wunsch hatte, so ein Tier tatsächlich zu besitzen.
Unser Gespräch darüber konnte dann genau den oben beschriebenen Vorgang rekonstruieren (womit fing das Ganze an?). Er hatte sich einfach in dieser Lesenacht vorzustellen versucht, was wohl in jemandem abgehen mag, der Angst habe, daß eine Schlange unter seinem Bett liege - bingo! mit vollem Erfolg 
Und die Zwanghandlung war dann mit diesem Gespräch bzw. mit dieser Wiedererinnerung an den Ursprungsgedanken, auch schon vollständig beseitigt.
Also: Versuchs mal selbst - und viel Erfolg dabei!
Gruß
Metapher