Der in Deutschland zur Standardsprache erhobene Dialekt
Neuhochdeutsch
Nein, davon kann man nicht sprechen. „Neuhochdeutsch“ ist zunächst einmal eine chronologische Bezeichnung für den Zustand der deutschen Sprache in der Neuzeit, also die Weiterentwicklung auf der Zeitachse vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche und das Frühneuhochdeutsche letztlich zum Neuhochdeutschen.
„Hochdeutsch“ wiederum ist eine der drei großen Dialektgruppen des Deutschen: Niederdeutsch (Norddeutschland), Hochdeutsch (im Wesentlichen in der Mitte angesiedelt, vor allem die fränkischen Dialekte), Oberdeutsch (Bayerische Dialekte, Schwäbisch). Innerhalb (gerade!) des Hochdeutschen gibt es eine Fülle untereinander sehr unterschiedlicher Dialekte.
„Hochdeutsch“ hat also nichts mit einer Art Überlegenheit („höher“ als andere) zu tun, sondern ist eine rein geographische Schichtung, wenn man so will.
Nun ist einer dieser hochdeutschen Dialekte, und zwar - grob gesprochen - das Thüringische, zum „Standarddeutschen“ geworden, und das ist dann das, was du als
„Fernsehdeutsch“
bezeichnest. Es verhält sich aber auch damit etwas anders: Als nach der Erfindung des Buchdrucks Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, stellte sich zunächst einmal die Frage, in welches Deutsch er sie überhaupt übersetzen konnte. Es gab ja nur einen Haufen unterschiedlicher Dialekte, aber nicht „das Deutsche“ schlechthin. Luther „normierte“ also nach bestem Wissen und Gewissen, aber natürlich unter Einfluss seiner thüringischen (und damit sprachgeographisch betrachtet „hochdeutschen“) Herkunft die deutsche Sprache auf eine Weise, die im gesamten deutschen Sprachgebiet mehr oder minder gut verständlich sein würde. Man kann es aber auch als eine Art „Kunstsprache“ betrachten, denn es ist ein mehr oder minder willkürlich festgelegter Kompromiss - in Luthers Falle unter besonders starker thüringischer Einflussnahme - gewesen.
Luther ist dabei ein herausragendes Beispiel, aber er ist damit beileibe nicht der „Erfinder“ der deutschen Standardsprache. Das Problem der Normierung ergab sich in der Frühzeit des Buchdrucks für jeden, der ein Buch in deutscher Sprache schreiben wollte. Man wird auch erhebliche sprachliche Abweichungen zwischen den Publikationen der damaligen Zeit feststellen, je nachdem, woher der jeweilige Autor stammte. Enormen normierenden Einfluss hatten aber auch die Setzer in den Werkstätten, die ja für das eigentliche Schriftbild (und damit die Umsetzung der Lautung) verantwortlich waren. So nach und nach bildete sich damit das „Frühneuhochdeutsche“ heraus, das sich alsbald mit stetiger Normierung zum Neuhochdeutschen entwickelte, das wir heute noch sprechen. Luthers Bedeutung ist freilich deshalb besonders groß, weil seine Schriften die weiteste Verbreitung in der damaligen Zeit fanden.
Es zeigte sich dann, dass die Abweichung dieser „Standardsprache“ zum Niederdeutschen am stärksten war. Dort hatte man die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die niederdeutschen (also in Norddeutschland verbreiteten) Dialekte unterschieden sich am stärksten von dieser „Standardsprache“, die sehr bald ein sehr positives Image bekam. Sie galt nämlich nun als die Sprache des Buchdrucks und damit der Bildung. Von einem norddeutschen Bürgermeister des (ich meine) 17. Jahrhunderts ist übermittelt, dass er in betrunkenem Zustand stets niederdeutsch zu sprechen anfing, während er es nüchtern noch hinbekam, „hochdeutsch“ (genauer gesagt: Standardlautung) zu sprechen.
So kam es, dass sich diese an sich künstlich normierte „Schriftsprache“ in Norddeutschland allmählich in gebildeten Kreisen auszubreiten begann, während der eigentliche niederdeutsche Dialekt mehr und mehr als „bäurisch“ galt. Die Aussprache zu diesem „Schriftdeutsch“ entstand somit eigentlich erst hinterher - deshalb hat man in Norddeutschland ja auch durchaus nicht exakt die Lautung heute noch existierender hochdeutscher Dialekte übernommen. In den anderen Sprachräumen haben sich die jeweiligen Dialekte besser halten können, weil ihre Abweichung von der Schriftsprache nicht so erheblich war wie im Niederdeutschen. Vielleicht hat es zusätzlich auch andere, eher soziologisch-ökonomische Gründe, etwa stärkere Herrschaftsstrukturen im Süden (relativ starke deutsche Staaten wie Sachsen, Bayern etc.) oder größere Beweglichkeit durch Handelsbeziehungen im Norden. Eine ganz wichtige Rolle spielte natürlich auch die Religion, denn im Norden breitete sich der Protestantismus Luthers am erfolgreichsten aus, und mit ihm natürlich auch die Bibel in der Sprache Luthers.
Dieser Normierungsprozess setzt sich heute durch die Medien fort, hinzu kommt die räumliche Flexibilität der Menschen. Ich selbst bin Hannoveraner (damit „glücklicherweise“[?] mit der Standardlautung aufgewachsen), lebe aber heute in einem Dialektgebiet (rheinfränkisch). Ich trage also auch einen kleinen Teil dazu bei, dass in dieser Gegend die Standardlautung wieder ein winziges kleines Stückchen Terrain gewinnt. Ob ich das nun gewollt habe oder nicht.
Muss man sich das nun so vorstellen, dass ich, als
Norddeutscher, die
fruehere Sprache Nordbayerns spreche, waehrend die Nordbayern
sich im
Laufe der Zeit eine neue zugelegt haben?
Nein, das also ganz bestimmt nicht. Ich hoffe, das ist trotz meiner stark verkürzten Darstellung deutlich geworden…