Hi.
Auf die Schnelle kann ich einen von mir vor Wochen in einem anderen Kontext verfassten Beitrag zum Thema ´Montanismus und Prophetie´ ausschnittsweise posten. Darin geht es um die Reaktion der Katholiken auf die Lehre des Montanus (2. Hälfte 2. Jh. CE) und seiner prophetischen Mitarbeiterinnen Maximilla und Priscilla. Das von dir angesprochene „Ende der Propheten“ fällt religionsgeschichtlich mit dem Kampf der Katholiken gegen den Montanismus zusammen. Da ich ohnehin gerade mit dem Prophetie-Thema im Kontext des Alten Orients beschäftigt bin, melde ich mich mit einem weiteren Beitrag bis Anfang nächster Woche hier wieder.
Als Trailer nur so viel: Prophetie (= Vermittlung einer göttlichen Botschaft durch einen Menschen) hatte im AO eine lange Tradition, beginnend mit den Orakeln der Göttin Ischtar für die Könige von Mari und Assyrien zu Anfang des 2. Jt. BCE. Die israelitische Prophetentradition ist nur eine von vielen regionalen Adaptionen dieser Praxis unter den speziellen politischen Bedingungen der Israeliten, im Deuterojesaja textlich teilweise deutlich angelehnt an neuassyrische Orakelformeln. Als prähistorischer Ausgangspunkt des Orakelwesens kann der Schamanismus gelten. Ein wesentliches Charakteristikum orakelnder Propheten war die Ekstase, d.h. das Heraustreten des Bewusstseins aus seinen Ich-Grenzen und das subjektiv empfundene Eintreten in eine göttliche Sphäre. Nun zum angekündigten Text über die montanistischen Propheten:
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Der wesentliche Grund für die Ablehnung und letztendliche Verketzerung des Montanismus durch die katholische Kirche (KK) war die Selbsteinschätzung von Montanus und den obersten Priesterinnen Maximilla und Priscilla, unmittelbares Sprachrohr des ´Heiligen Geistes´ (des Parakleten gemäß Joh 14,16-17) zu sein, wodurch die KK ihren eigenen Anspruch gefährdet sah, Repräsentant der christlichen Wahrheit zu sein. Ihr Argument war, dass der Heilige Geist sich ausschließlich in der KK als Institution manifestiere und nicht in individuellen Personen. Auch an der starken Rolle der Frauen im Montanismus rieb sich die KK, was zu der neuen Regelung führte, Frauen grundsätzlich vom Priesteramt auszuschließen.
Die hohe Stellung der Frauen im Montanismus war insofern ein Charakteristikum der Montanismus, als dieser sich dadurch von der KK abhebt; aber auch in anderen christlichen Organisationen, z.B. den Marcioniten und den Valentinianern, hatten Frauen wichtige Funktionen. (Christusgläubige Gnostiker wie die genannten sind zu den Christen zu rechnen). Manche Stellen in den Paulinen scheinen zwar anzudeuten, dass auch im frühen Katholizismus Frauen einen relevanten Status hatten, andere paulinische Stellen aber demonstrieren klar die Geringschätzung des Weiblichen.
Dass im Montanismus die Dinge anders lagen, könnte u.a. mit dem - als sehr wahrscheinlich anzunehmenden - Kybele-kultischen Background des Montanismus zusammenhängen. Bekanntlich hatten im Kult der phrygischen Muttergöttin neben Eunuchen auch Frauen das priesterliche Amt eines ´gallus´ (Pl. galloi) bzw. einer ´galla´ (feminine Form) inne, dessen kultische Funktionen die ekstatische Prophetie einschlossen. Diese phrygische Tradition hat sich wahrscheinlich auf das montanistische Prophetentum übertragen.
Möglicherweise als Vorbild für die phrygischen Propheten könnte - neben den ´galloi´ und ´gallae´- die christlich-orthodoxe Prophetin Ammia von Philadelphia gedient haben, die in der ersten Hälfte des 2. Jh. gelebt haben soll, aber nur bei Eusebius bezeugt ist. In der Apg wird ein Diakon Philippus von Caesaraea erwähnt, der 4 Töchter mit prophetischer Gabe hatte. Wie historisch das in Bezug auf den zeitlichen Kontext auch sein mag, es zeigt, dass es weibliche Prophetie auch im frühen Christentum gab. Als Beispiel für eine marcionitische Prophetin nenne ich Philomene, die mit einem Marcion-Schüler namens Apelles umher reiste und von ihren katholischen Gegnern, wie die phrygischen Prophetinnen, als von einem Dämon besessen stigmatisiert wurde.
Dass die KK im 3. Jhd. die innerkirchliche Stellung der Frau drastisch reduzierte, hängt auch, aber nicht nur, mit Maximilla und Priscilla zusammen, deren dominantes Auftreten von der KK als ´abschreckendes´ Exempel gewertet wurde. Es gab kirchliche Versuche, den beiden Prophetinnen zu ihren Lebzeiten die Prophetie exorzistisch auszutreiben.
Berichtet werden zwei Vorfälle, erstens von einem Anonynous Anfang des 3. Jh., überliefert durch Eusebios, der aussagt, dass die beiden Bischöfe Zotikos und Julian, die Maximilla aufsuchten, um „ihren Geist zu widerlegen“ (=auszutreiben), von einem anderen hochgestellten montanistischen Propheten, Themiso, daran gehindert wurden. Anlässlich dieser Begegnung soll Maximilla geäußert haben (eine der 4 von ihr überlieferten Aussprüche):
Ich werde verfolgt wie ein Wolf von den Schafen fort. Ich bin kein Wolf. Ich bin Wort und Geist und Kraft.
Ein zweiter Vorfall wird, ebenfalls überliefert von Eusebius, von Bischof Äius Publius Julius berichtet, bei dem Bischof Sotas von Anchialos die Prophetin Priscilla exorzieren wollte, ebenfalls aber von Anhängern davon abgehalten wurde.
Chan