Europäische Mystiker im 16. Jahrhundert

Hallo.

Kann mir jemand erklären, warum es im 16. Jahrhundert so einen irren Boom an Mystikern in ganz Europa gegeben hat? Da ging ja richtig die Post ab!

Was mir dazu einfällt, ist der Buchdruck zur weiten Verbreitung der verschiedenen Erfahrungen und Lehren, aber das erklärt ja nicht die unterschiedlichen Visionen und Strömungen und erst recht nicht die enorme Zahl an religiösen/spirituellen Lehrern und „Erleuchteten“.

Hat jemand Literaturtipps, die diese Entwicklung beleuchten? Alles was ich finde, sind allgemeine Biographien oder Primärtexte der Mystiker, aber nichts Mentalitäts- oder Gesellschaftsgeschichtliches.

Vielen Dank für Ideen und Gedanken.

Grüße, Maxi

Hallo Maxi,

das 16. Jahrhundert war das Jahrundert des Übergangs vom Mittelalter in die Neuzeit, eine Zeit des Umbruchs.
Wie oft in solchen Zeiten suchen die Menshcen nach Orientierung und Halt, da bietet sich die Religion an.
Die Hexenverfolgung kam wohl nicht zufällig auch in dieser Zeit auf volle Touren, religiöse Erneuerer hatten Konjunktur und eben auch Mystiker.

Gandalf

das 16. Jahrhundert war das Jahrundert des Übergangs vom
Mittelalter in die Neuzeit, eine Zeit des Umbruchs.
Wie oft in solchen Zeiten suchen die Menshcen nach
Orientierung und Halt, da bietet sich die Religion an.
Die Hexenverfolgung kam wohl nicht zufällig auch in dieser
Zeit auf volle Touren, religiöse Erneuerer hatten Konjunktur
und eben auch Mystiker.

Ja, das stimmt schon, aber das heißt ja, das die Religion instrumentalisiert wird (und zwar von den Mystikern planmäßig selbst), und nicht „plötzliche, unvorhergesehene Erscheinungen und Erleuchtungen“ sind, die eine eigene Auffassung von Gott und daraus folgende Lehren beinhalten. Aus der heutigen Sicht macht sie das sehr unglaubwürdig. Ist das wirklich so?

Und haben Mystiker wie Teresa von Ávila da wirklich soviel mit religiösen Erneuerern wie Luther und den div. Gravamina-Verfassern zu tun? Hmm. Da weiß ich leider viel zu wenig. Sind die ins selbe Boot zu setzen?

Europäische Mystiker
Hi Fabeon,

Kann mir jemand erklären, warum es im 16. Jahrhundert so einen
irren Boom an Mystikern in ganz Europa gegeben hat?

Rückfrage: Was bedeutet für Dich denn Mystik?

Ich stelle diese Frage aus dem Grund, da die „Mystik“ (und die „deutsche“ im Besonderen) in den letzen Jahren und Jahrzehnten durch die verschiedensten Arbeiten gegenüber dem üblichen Sprachgebrauch um- und weiter-definiert wurde.

Was mir dazu einfällt, ist der Buchdruck zur weiten
Verbreitung der verschiedenen Erfahrungen und Lehren, aber das
erklärt ja nicht die unterschiedlichen Visionen und Strömungen
und erst recht nicht die enorme Zahl an
religiösen/spirituellen Lehrern und „Erleuchteten“.

Da trügt lediglich der Schein, da die meisten „Mystiker“ vor dem 16. Jh. für ein breites Publikum schlechter ediert, übersetzt und kommentiert sind.

Hat jemand Literaturtipps, die diese Entwicklung beleuchten?
Alles was ich finde, sind allgemeine Biographien oder
Primärtexte der Mystiker, aber nichts Mentalitäts- oder
Gesellschaftsgeschichtliches.

Für die Mystik: Grundsätzlich ist alles aus der Bochumer Schule von Kurt Flasch zu empfehlen: B. Mojsisch, Loris Sturlese, Theo Kobusch etc.
Für die Schulbildung (Dominikanische Mystik etc.) ist Maarten Hoenen zur Zeit der Spezialist überhaupt.
Exemplarisch - auch für die Entwicklung der Sichtweise der Historiographie - dürfte Kurt Flaschs letztes Buch über Meister Eckhart und die Geburt der ‚Deutschen Mystik‘ sein: ISBN:3406541828 Buch anschauen

Mein zweiter Tipp wäre dann Tugendhaupts Egozentrizität und Mystik, ISBN:3406550347 Buch anschauen. Da Tugendhaupt kein Philosophiehistoriker im strengen Sinne ist, geht es ihm mehr um grössere Stränger der Ideenentwicklung.

Noch ein Hinweis: Mystik ist seit der New Age Bewegung ein Verkaufsschlager und daher immer gefragt. Da bekommt schnell mal ein Text das Etikett ‚Mystik‘ angehängt um die Verkäufe zu sichern. Das was der allgemeine Sprachgebrauch Mystik nennt, muss innerhalb der Ideengeschichte und der Universitätsgeschichte (sic!) verstanden werden, ansonsten besteht die Gefahr, dass man Bewegungen erfindet, für die es keine historischen oder textuellen Belege gibt.

Liebe Grüsse
Y.-

Hallo Yseult

Zur

Rückfrage: Was bedeutet für Dich denn Mystik?

Für mich heißt das die Suche nach/Erkenntnis von Gott (Unio Mystica) und seiner Wahrheit aufgrund persönlicher Erfahrungen, Visionen, theologischer Auslegung.

Ich stelle diese Frage aus dem Grund, da die „Mystik“ (und die
„deutsche“ im Besonderen) in den letzen Jahren und Jahrzehnten
durch die verschiedensten Arbeiten gegenüber dem üblichen
Sprachgebrauch um- und weiter-definiert wurde.

Wie verläuft denn die Entwicklung der Mystik ganz grob?

Exemplarisch - auch für die Entwicklung der Sichtweise der
Historiographie - dürfte Kurt Flaschs letztes Buch über
Meister Eckhart und die Geburt der ‚Deutschen Mystik‘ sein:
ISBN:3406541828 Buch anschauen

Da hab ich schon mal geblättert. - Ist das nicht wieder nur die deutsche Mystik?

Aber vielen Dank für die Tipps.

Grüße, Maxi

Hi,

vielleicht ist es auch so, daß in solchen Zeiten Mystiker stärker wahrgenommen werden und so einen größeren Einfluß gewinnen.
In Zeiten des Wohlstandes und Sicherheit, werden sie nicht so sehr benötigt und nicht oder weniger wahrgenommen.

Gandalf

Hi Fabeon

Ja, das stimmt schon, aber das heißt ja, das die Religion
instrumentalisiert wird (und zwar von den Mystikern planmäßig
selbst)

Nein, das heißt es nicht zwangsläufig. Ein Mystiker instrumentalisiert zunächst mal berhaupt nicht, noch wird er elber instrumentalisiert. Und planmäßig schon gar nicht. Durch seine individuelle, originelle Sicht wird/wurde er höchstens zur Gefahr für das religiöse establishment.
Gandalf, dem ich im übrigen zustimme, hat da nichts Derartiges verlauten lassen.
Gruß,
Branden