Der Mensch machte sich die Erde untertan. Er bevorzugte dabei einige Tier- und Pflanzenarten; im Vergleich zur Gesamtzahl aller existierenden Arten wählte er nur sehr wenige. Manche davon veränderte er durch seinen züchterischen Einfluß, doch diese Veränderungen sind nicht von größerer Bedeutung für diese Arten als die Einflüsse der natürlichen Selektion. Der Großteil ihrer Gene wurde davon nicht betroffen.
Diese Tier- und Pflanzenarten setzten mit der Unterstützung des Menschen eines Siegeszug über die ganze Erde an. Die Individuenzahlen dieser relativ wenigen Arten wurden immer größer, die Anzahl der Arten, die nicht vom Menschen genutzt werden, immer weniger. Die einen leben auf
Kosten der anderen.
So stellt sich die Frage, wer hier wem dient. Aus Sicht dieser Arten könnte es nämlich auch so aussehen, daß sie sich den Menschen untertan gemacht haben. Der Mensch sorgt für ihr Wohlergehen, bekämpft ihre Krankheiten, sorgt für ihre Reproduktion und ihre Ausbreitung, sucht die Paarungspartner mit den besten Genen für sie, vernichtet ihre Feinde und ihre Konkurrenten. Der Mensch vergrößert die Bereiche und Klimazonen, in denen sie leben können, indem er sie immer resistenter gegenüber Umwelteinflüsse werden läßt. Ebenso wie gegen Krankheitserreger und Schädlinge und Feinde. Zu alledem kümmert er sich auch noch darum, daß ihre Gene unter den best möglichen Bedingungen aufbewahrt werden, um so lange Zeit zu überdauern. Sollte also eine Katastrophe die Erde heimsuchen, die alles Leben vernichtet, würde es möglicherweise immer noch ihre Gene in den Samenbanken geben. Aber auch ohne solche Tragödie ist ihr Siegeszug unübertroffen.
Um sich den Menschen zunutze zu machen, müssen diese Tier- und Pflanzenarten ihm eine Gegenleistung erbringen – oder ihm dies zumindest glauben machen.
Die einfachste Form besteht darin, ihm Nahrung zu liefern. Etwas raffinierter ist es schon, ihm andere Stoffe zur Verfügung zu stellen, die ihm nutzen konnten, etwa Medikamente, Gifte, Aphrodisiaka, Baustoffe, Grundstoffe für Kleidung und Gebrauchsgegenstände, usw.
Noch raffinierter erscheint es, wenn diese Arten dem Menschen nutzen, indem sie ihm keine physischen, sondern psychische Vorteile bringen, bzw. psychische Bedürfnisse des Menschen nutzen. Dazu gehören optische Kriterien, z.B. aus Sicht des Menschen attraktive Blüten, wie bei den Orchideen, oder ein attraktives Federkleid, wie beim Pfau. Oder akustische Kriterien, wie beim Gesang des Kanarienvogels u.ä. Oder gefühlsmäßige Kriterien, wie bei einigen Haustieren, die den Menschen zum Streicheln, Kuscheln und Pflegen einladen.
In der Vorzeit dürften Menschen keine Haustiere gehalten haben, die keinen direkten Nutzen für ihn erbrachten. Und trotzdem gelang einer ganzen Reihe von Haustieren genau dies in letzter Zeit. Da man meist richtig vermutet, wenn man den Arten mit der kürzesten Generationsdauer auch die meisten evolutiven Veränderungen zuschreibt, wäre es naheliegend, zu behaupten, die Menschen wären in diesem Zeitraum genetisch weniger verändert, um so mehr dafür seine Haustiere. Zum einen könnten man folgern, daß das Kindchenschema des Menschen entstanden war, um sein eigenes Überleben zu sichern, und daß dieses Schema von Tieren ausgenutzt wurde. Je mehr sie dem Kindchenschema glichen, um so sicherer wurden sie vom Menschen versorgt. Zum anderen könnte man folgende Spekulation anstellen: Die psychischen Bedürfnisse nach Nähe und Wärme werden in unserer Zeit immer weniger befriedigt. Menschen werden immer einsamer, man braucht sich nur den Anstieg der Singlehaushalte oder der Scheidungen oder des Drogenkonsums anzusehen. Und um so mehr Haustiere brauchen die Menschen. Die derzeitige Entwicklung liegt also im Interesse von Hund und Katze. Hätten die Gene unserer Haustiere einen solchen Einfluß auf den Menschen, so würden sie versuchen, die Menschen so einsam und verzweifelt wie möglich zu machen.
Noch ein Weg wurde gefunden: Das Genialste war, einen Faktor ins Spiel zu bringen, um damit bestimmte Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen, die er im Verlauf seiner Evolution nicht hatte und die ihm auch keinen Vorteil bringen, nur um ihn dazu zu bringen, für diese Arten zu sorgen. Genial, aber schwierig: Es mußte nicht nur ein Stoff gefunden werden, der beim Menschen ein Bedürfnis erwecken und befriedigen kann. Der Mensch mußte auch angeleitet, bzw. in Versuchung geführt werden, eine Art auf eine Weise zu nutzen, die ihm nicht bekannt oder gar vertraut sein konnte. Doch wenn dies gelang, waren diese Arten nicht mehr aufzuhalten. Sie wurden für den Menschen wichtiger als die Arten, die ihm „lediglich“ die lebensnotwendige Nahrung liefern. Und es war so gut wie ausgeschlossen, daß sie Konkurrenz bekommen könnten, denn es ist so gut wie ausgeschlossen, daß eine andere Art den gleichen Wirkstoff entwickeln würde. Und die wenigen Arten, denen dieser geniale Schachzug gelang, konnten zusammenarbeiten, indem sie den Weg für andere Arten mit gleicher Strategie, aber einem anderen Wirkstoff, ebneten. Sie stärken sich gegenseitig, statt zu konkurrieren, während z.B. die Arten, die etwas wirklich Nützliches liefern, z.B. Nahrung, gegenseitig konkurrieren. Tabakpflanzen, die Nikotin produzieren, Cannabis, aus dem Haschisch oder Marihuana hergestellt wird, Schlafmohn zur Produktion von Heroin, der Peyotl-Kaktus, der Hopfen, die Weinrebe oder die Kokapflanze – sie alle arbeiten Hand in Hand und verstärken sich gegenseitig.
Und eigenartigerweise verfolgen ihre Gene ähnliche Ziele wie die Gene der Haustiere. Beide werden um so mehr Verbreitung finden, je einsamer und depressiver und verzweifelter die Menschen werden. Und dies geschieht häufig, wenn Menschen so leben, wie es nicht ihren evolutiv entstandenen Bedürfnissen und Bedingungen entspricht. Diese Art zu leben entspricht auch nicht den Interessen ihrer Gene. So kann man folgern, daß man es hier nicht nur um Manipulation einer Art zugunsten einer anderen Art handelt, sondern um eine seltsame Form von Kooperation und zugleich Konkurrenz:
Die Gene der Haustiere und der Rauschpflanzen haben die besten Bedingungen, wenn sich Menschen um sie kümmern, die gegen ihre eigenen Gene handeln. Doch dürfen die Menschen dadurch nicht so sehr beeinträchtigt werden, um sich noch um ihre Haustiere und ihre Drogenlieferanten zu kümmern. (Könnte sich langfristig eine ESS entwickeln?)
Da weiter oben bereits vermutet wurde, daß die Rauschpflanzen sich gegenseitig stärken statt zu konkurrieren, wäre zu überlegen, ob nicht ähnliche Bedingungen zwischen den Genen der Haustiere und den Genen der Rauschpflanzen herrschen könnten. Beiden geht es besser, wenn es dem Menschen schlechter geht. Sie sollten also versuchen, zu kooperieren.
Nicht nur die Art Mensch wird von anderen Arten benutzt oder manipuliert – zu deren eigenem Nutzen. Gleiche Überlegungen ließen sich auch überall dort anstellen, wo zwei oder mehrere verschiedene Arten sich gegenseitig beeinflussen.
So könnte man spekulieren, ob nicht einige Ameisenarten oder Termiten von ihren Pilzkulturen benutzt werden, um deren Gene zu erhalten und zu verbreiten. Andere Ameisen werden von ihren Blattläusen benutzt. Und wie ist es bei allen anderen Formen von Symbiose: Wer kann entscheiden, wer hier wen benutzt? Benutzen z.B. in den Putzstationen in den Korallenriffen die Putzerfische die Raubfische, die sie putzen und so an Nahrung kommen, oder werden sie von den Raubfischen benutzt, um Parasiten loszuwerden? Oder benutzen Blüten die Bienen, um bestäubt zu werden, oder umgekehrt die Bienen die Blüten, um an Nektar zu gelangen? Inzwischen dürfte wohl klar geworden sein, daß diese Art der Fragestellung einen begrenzten Blickwinkel, nämlich dem aus Sicht des Menschen, zeigt, aber keinen sachlichen Hintergrund aufweist.
Wenn man sich in die Lage einer Art versetzt, die das Überleben und die Ausbreitung ihrer eigenen Gene auf eine Weise zu fördern sucht, indem sie eine andere Art benutzt, mit dem Ziel, das diese andere Art für ihn sorgt, sollte man dazu nicht eine x-beliebige Art auswählen. Es ist nicht nur wichtig, daß beide Arten auf irgendeine Weise in einen Kontext von Kosten und Nutzen treten können. Es wäre zum Beispiel schwierig, wenn die eine Art auf dem Meeresboden, die andere in den Hochlagen der Gebirge leben würde. Man sollte auch versuchen, eine Art zu finden, die in Zukunft expandiert. Denn ihre Verbreitung kommt einem selber zugute. Benutzt eine Art eine andere Art für die eigene Verbreitung, so hängt der eigene Erfolg am Erfolg der anderen Art. So braucht man entweder die Möglichkeit, Prognosen für die Zukunft zu stellen, und dann sucht man sich eine aussichtsreiche Art heraus. Oder man versucht, selber diese andere Art in ihrer Verbreitung zu fördern. Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit, einer anderen Art zum Erfolg zu verhelfen, bzw. man sucht sich die Art, für die der eigene Einfluß so bedeutsam sein kann, daß er größeren Erfolg erreicht. Mit Erfolg ist dabei nicht nur eine Zunahme der Individuenzahl, sondern vor allem ein Überdauern der Gene dieser Art über einen möglichst langen Zeitraum gemeint.
Aus einer langfristigen Sichtweise heraus, sind die Arten, die z.B. Ameisen oder Termiten benutzen, die ihr Überleben seit Jahrmillionen unter Beweis gestellt haben, im Erhalt ihrer Gene gesicherter als die Arten, die den Menschen benutzen. Denn Ameisen oder Termiten wird es mit großer Wahrscheinlichkeit noch lange geben, wenn die Menschheit längst ausgestorben und ihre Spuren von der Erde getilgt sind.
Eine besonders gewitzte Art sollte heutzutage vielleicht versuchen, sich Kakerlaken oder Ratten zunutze zu machen. Denn diese werden nicht nur jede Katastrophe überleben, die die gesamte Menschheit auslöschen kann, sie sind auch weltweit verbreitet und Meister der Anpassung. Kakerlaken und Ratten sind auf ihre Weise ebenso genial wie die Haustiere und Rauschpflanzen. Sie benutzen die Menschen, folgen ihnen überall hin, passen sich an alle Gegebenheiten an, bringen aber keine Gegenleistung. Sie sind Schmarotzer par excellence. Und weil sie den Menschen benutzten und obwohl oder weil dieser sich mit allen Mitteln gegen sie zur Wehr setzte, wurden sie so selektiert, daß ihnen kaum noch jemand etwas anhaben kann.
Es sieht allerdings so aus, als ob bei diesem Rennen die Ratten vor den Kakerlaken liegen. Denn inzwischen verfolgen die Ratten noch eine alternative Strategie – sie werden zu Haustieren.
Und dies ist von Kakerlaken bisher nur aus den Traumfabriken Hollywoods bekannt. Es bleibt abzuwarten, ob es den Kakerlaken auch in der Realität gelingt.
Die Erfolgsgeschichte der Ratten ist allerdings nicht so leicht zu wiederholen. Denn den Ratten gelang dies nur über einen Umweg: vom Schmarotzer des Menschen, bzw. seinem Kulturfolger, über das Stadium des Benutztwerdens durch den Menschen, z.B. in wissenschaftlichen Labors, bis hin zu seinem Haustier. Und Ratten waren so klug, alle Wege gleichzeitig zu behalten. Sie sind immer noch Schmarotzer, Benutzte und Haustiere. Ihnen werden also auch in Zukunft noch mehrere Wege offen stehen, denn sie gaben keine Strategie jemals auf. Sicher gibt es irgendwo auf der Welt auch noch Ratten, die wild, ohne jeden menschlichen Kontakt, leben.
Letzteres trifft auch für fast alle Haustiere zu: Es existiert fast immer noch gleichzeitig eine Wildform, z.B. Wildschweine, Wölfe oder Wildkatzen. Oder wenigstens einen nahen Verwandten in der Wildnis, mit denen sie einen Großteil ihrer Gene teilen. Es ist immer klug, gleichzeitig verschiedene Strategien zu verfolgen.
Dazu gehört auch das parallele Vorhandensein von Wildform, Nutztier und Haustier. Dies findet man bei den Wölfen, bzw. Hunden, den Schweinen, den Katzen und den Hasen und Kaninchen. Bei einigen Affenarten und bei Mäusen, Ratten, usw. hängt es von der jeweiligen Definition von Nutztier oder Haustier ab, ob man sie in diese Reihe aufnehmen kann. Es spielt aber für diese These keine Rolle, wieviele Arten dazu gehören. Entscheidend ist, daß es für eine Art nicht nur klug ist, gleichzeitig verschiedene Strategien zu verfolgen, sondern auch möglichst viele unterschiedliche Strategien zu haben, um den langfristigen Erfolg seiner Gene zu sichern.