Fehlertoleranz vs. Pedanterie

Liebe Gemeinde,

die vielen Fehler meiner Freundin nerven mich. Ich meine damit keine charakterlichen Fehler, sondern sie macht z.B. Grammatikfehler beim Sprechen und Rechtschreibfehler beim Schreiben, oder sie versalzt Nudeln oder vergisst, beim Vorstellungsgespräch etwas Wichtiges zu fragen oder bringt aus dem Supermarkt manche Sachen nicht mit, obwohl sie sogar einen Einkaufszettel hatte. Es sind also Kleinigkeiten und Schusseligkeiten, die einem anderen kaum auffallen oder zumindest nicht sonderlich stören würden. Die Grammatikfehler sind z.B. nur solche, die 90 % der Bevölkerung machen und von den meisten gar nicht als solche bemerkt werden.

Meine Freundin ist ein wunderbarer Mensch, sehr liebevoll und in allen zwischenmenschlichen Situationen feinfühlig. Ich bin sehr genau und immer bestens organisiert. 

Natürlich tendiere ich dazu, dass sie auch so sein sollte wie ich, denn ich finde mich gut, und bei mir stimmt fast immer alles. Wenn ich weiterdenke, dann sehe ich das Problem (dass ich genervt bin) aber eher in meiner Pedanterie und Korinthenkackerei. Warum muss für mich immer alles richtig sein, selbst wenn gar nichts davon abhängt? Diese Eigenart liegt sicher im Charakter (psychoanalytisch: „analer Charakter“), aber wie kann es mir gelingen, großzügiger zu werden und mich auf das Wesentliche zu beschränken, also z.B. auf den Inhalt und die Absicht ihrer Worte?

Vielen Dank, Herbert

Hallo Herbert,

wie steht denn deine Freundin dazu?

Ich denke, Grammatik kann man lernen wenn man möchte, Rechtschreibung vielleicht auch noch (ist meiner Ansicht nach aber schwieriger), aber gegen die Vergesslichkeit ist wohl kein Kraut gewachsen.

Biete ihr Hilfe an bei den Punkten die sie ändern kann und will.

Die anderen Punkte nimm hin. Entscheide dich gnaz bewusst dafür, diese Fehler als „liebenswerte Eigenheiten“ einzustufen (das ist glaube ich das Schwerste an der ganzen Sache). Weiters sage dir jedesmal: „Alles halb so wild“ - dann wird es vielleicht gelingen!
Sicher wird es einige Zeit brauchen, aber allmählich wirst du merken, dass du dich weniger oft aufregst. Und das wird eurer Beziehung gut tun.

Zaunkoenigin

Liebe Gemeinde,

Moin Herbert

Natürlich tendiere ich dazu, dass sie auch so sein sollte wie
ich, denn ich finde mich gut, und bei mir stimmt fast immer alles.

Ich denke auch, dass du gut bist. Schon wegen der Tatsache, dass DU dich ändern willst. Und dies nicht von deiner Freundin verlangst.

Aber stören denn deine charackterliche Eigenschaften deine Freundin? Ihr habt Euch kennen und (nehme ich an) lieben gelernt mit den vorhandenen Eigenschaften. Eine Änderung dieser Eigenschaften, sei es bei dir oder bei ihr, könnte eine Entfremdung bewirken.

Gruss: Gerrit

Diese Eigenart liegt sicher im Charakter (psychoanalytisch: „analer Charakter“), aber wie :kann es mir gelingen, großzügiger zu werden und mich auf das Wesentliche zu :beschränken, also z.B. auf den Inhalt und die Absicht ihrer Worte?

Vielen Dank, Herbert

Hallo Kwéniviel

Aber stören denn deine charackterliche Eigenschaften deine
Freundin? Ihr habt Euch kennen und (nehme ich an) lieben
gelernt mit den vorhandenen Eigenschaften. Eine Änderung
dieser Eigenschaften, sei es bei dir oder bei ihr, könnte
eine Entfremdung bewirken.

So, wie beim langhaarigen Biker, der sich für seine Frau ändert, die ihn dann verlässt, weil er sich so verändert hat :smile:

Meine Freundin findet mich pedantisch. Das ist natürlich keine umfassende Charakterisierung und auch nicht wesentlich, wenn sie an mich denkt.

Ich habe nochmal nachgedacht. Ein besserer Ansatz als „sie macht ständig Fehler“ ist wohl, sie ist anders als ich. Sie spricht wie alle anderen auch und findet korrekte Sprache (wegen des Geldes usw.) gestelzt. Sie macht kleine Rechtschreibfehler, weil es für sie nicht so wichtig ist, dass alles bis ins Detail stimmt, wenn sie mir bloß kurz eine Nachricht zukommen lassen will. Der Zeitaufwand, genau zu sein und alles zu prüfen, lohnt sich aus ihrer Sicht nicht. Bei Bewerbungsschreiben sieht es ja schon viel besser aus.
Und beim Vorstellungsgespräch war es vielleicht für die Gesprächsatmosphäre günstiger, dass sie ihre Frage nicht gestellt hat.

Grüße, Herbert

Hallo.

Vielleicht kannst du deine Freundin mit viel Geduld davon überzeugen, dass es sich bei all deinen unangenehmen Eigenschaften und Charakterfehlern lediglich um psychische Macken und Schrullen handelt, über die sie eventuell eher lachen sollte, als sich zu ärgern.

Gruß, Nemo.

Hallo Herbert,

was für eine wundervolle Chance, die sich Dir in Deinem Leben bietet!
Die Chance- besser in Deine Mitte zu kommen!

Aber mal von vorne:
Wir alle haben sämtliche Eigenschaften in uns und entwickeln uns innerhalb dieser Eigenschaft in eine Richtung.
Wenn man zB das Konstrukt von „Big Five“ nehmen möchte- dann geht es hier als Überschrift- um Gewissenhaftigkeit.

Nun gibt es bei allen Eigenschaften verschiedene Ausprägungen davon:
niedrig: locker, unbeständig, unzuverlässig, unordentlich
hoch: zielstrebig, organisiert, diszipliniert, ordentlich, pedantisch, zuverlässig.
Der Eine ist in seinem Verhalten dann eher spontan- der andere geplant.

Und hier geht es gar nicht um Wertung-- es ist nur eine Beschreibung, wie Menschen sind.

Diese Ausrichtung orientiert sich an unterschiedlichen Faktoren- Erziehung ist ganz sicher eine nicht Unerhebliche dabei.

Nun hat Deine Freundin eine entgegen gesetzte Haltung zu Gewissenhaftigkeit als Du und es nervt Dich.
Deine Freundin hat damit offensichtlich kein Problem…und spätestens das zeigt, dass es eine Aufgabe für DICH ist und nicht für sie!

Warum?
Wir alle haben sämtliche Eigenschaften in uns und prägen wie oben gesehen- eine Richtung aus. Und seltenst- entwickelt man sich in der Mitte.

Es gibt immer ein Gegenüber (alles hat zwei Seiten) und wer sich mehr in eine Richtung entwickelt- hat dafür Gründe…und lehnt dann die andere Seite ab.
Bedeutet:
Deine Freundin lebt eine Seite aus, die Du auch in Dir hast- die Du aber in Dir ablehnst.
Und damit lehnst Du sie- bzw ihr Verhalten ab.

Was kannst Du tun?
Setze Dich mit Deiner Gewissenhaftigkeit auseinander!

, denn ich finde mich gut, und bei mir stimmt fast immer alles

Dieser Satz:
Für wen ist (war es damals) es tatsächlich wichtig, dass fast alles immer stimmt?
Was geschieht, wenn es nicht so ist?
Was verbindest Du mit Planlosigkeit und wie fühlt es sich für Dich an?

Geh einmal genau in dieses Gegenteil hinein und vielleicht kannst Du erkennen, dass in diesem Verhalten auch sehr viel Positives liegt.
Alleine der Anspruch- alles immer richtig machen zu müssen, setzt doch sehr unter Druck und nimmt sehr viel von Entspannung und Lebensgenuss.

Wenn Du diese Seite in Dir-- die Du ablehnst- anfängst anzunehmen…dann wird das Gefühl von Genervtsein gegen Deine Freundin auch abnehmen und verschwinden.

Es ist wie immer…wenn man in der Mitte ankommt, dann kehrt auch Ruhe ein.
Ausgewogenheit, die Chance in jede Richtung entspannt sehen zu können, innere Freiheit…das sollte das Ziel sein.

lg kitty

Moin,

ich kann Dir nur raten, eine Freundin zu suchen, die genauso perfekt ist wie Du!
Nur dann wirst Du Deinen Frieden haben und nur dann sie den ihren.

Allerdings wird das sehr schwer, einen anderen so perfekten Menschen zu finden wie Dich.
Viel Erfolg dabei!

Gandalf

Hallo,

kann es sein, daß Du dich deshalb in sie verliebt hast, weil sie eben nicht so genau und so pedantisch ist wie Du?

Daß sie das Leben leichter nimmt, als Du?
Daß Du sie vielleicht sogar unbewusst dafür beneidest, dass sie so leicht durchs Leben geht?

Waren die Fehler bisher wirklich schwerwiegend? (Ich meine nicht das vergessene Klopapier sondern eher z. B. verpasste Fristen für Bewerbungen, wichtige Verhandlungen oder Briefe die wegen der schlechten Grammatik scheiterten? Oder viel Geld kosteten?)

Wenn nicht: Sie kommt wirklich leichter durchs Leben, da sie weiß, woraufs wirklich im Leben ankommt. Eben nicht auf das Dativ-s bzw fehlende „es“ im vorherigen Satz.

Grüße
miamei

Hallo,

ich denke mal in eine ganz andere Richtung und bitte dich, das Ganze als Idee zu sehen und nicht als „Diagnose“ :smile::

Oft entspringen Verhaltensweisen, wie du sie als die deinen beschreibst, einem starken Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Je perfekter man Dinge gestaltet, umso weniger Spielraum für unliebsame Überraschungen oder Kritik bieten sie auch. Nicht selten steckt dahinter die (frühkindliche) Erfahrung, unter dem Erwartungsdruck der Eltern nicht gut genug gewesen zu sein und/oder Anerkennung nur über hohe Leistung bekommen zu haben.

Möglicherweise hast du gelernt, dass dich Perfektion weniger verletzbar macht.

In all den Fällen, in denen deine Freundin nun deutlich weniger perfekt ist, begibt sie sich in deiner Wahrnehmung zum einen möglicherweise in Gefahr, dass ihr Schaden daraus erwachsen könnte (Vorstellungsgespräch). Indem du ihr nahelegst, Perfektion anzustreben, möchtest du den Schutzmantel, der dich beschützt, auch um sie legen können.

Zum anderen übernimmst du vielleicht schlicht und ergreifend die Verhaltensmuster deiner Eltern in deiner eigenen Vergangenheit: Nichts ist gut genug, was nicht perfekt ist und Erwartungen nicht erfüllt. Um mit einem chinesischen Sprichwort zu antworten: „Wenn das einzige Werkzeug, das man besitzt, ein Hammer ist, neigt man dazu, jedes Problem als Nagel zu betrachten“. Man kann nur so handeln, wie man es gelernt hat, solange man keine Alternativen kennengelernt hat.

Zum Dritten erlebst du Manches von dem, was sie tut, vielleicht als Abwertung deiner eigenen Person. Wenn sie nicht sorgfältig genug ist, die gewünschten Dinge aus dem Supermarkt mitzubringen oder eine Notiz an dich richtig zu schreiben, fehlt ihr möglicherweise ja der Respekt/ die wirkliche Liebe für dich, denn umgekehrt würde dir eine solche Nachlässigkeit nicht passieren.

Auch hier ließe sich das Bedürfnis nach Sicherheit wiederfinden.

Wie gesagt: Eine Idee :smile:.

Schöne Grüße,
Jule

Hallo Herbert,

diese „Korrektur“ hört sich eher so an, als würde Deine Freundin ganz sinnig handeln, Du aber die Pedanterie über ein sinnvolles Maß hinaus betreiben - oder trifft es diese Kurzbeschreibung auch wieder nicht?

Gruß, Paran

Hallo Herbert,

Meine Lebenserfahrung ist, dass man in einer Beziehung entweder den Anderen, MIT seinen Macken, akzeptieren kann wie er ist oder man kann die Beziehung auf Dauer vergessen.

Wenn du die Macken nicht akzeptieren kannst, liebst du nicht die reale Person, welche vor dir steht, sondern einen virtuellen Wunschpartner. Die reale Person wird nie diesem Wunschpartner entsprechen können!

Wenn du die reale Person versuchst zu ändern, kann diese Person nicht mehr sich selbst sein, muss also eine Rolle spielen, was auf Dauer keiner durchhält …

Wenn du dich änderst, besteht die Gefahr, dass du anfängst eine Rolle zu spielen. Du nervst dich weiterhin, sagst aber nichts, das knallt dann auch irgendwann.
Andererseits, änderst du nicht nur dich, sondern auch die Basis eurer Beziehung, da wird also der Partner auch zwangsweise mit einbezogen. Ob er da mitmachen will, weisst du erst später …

Was ich bei deiner Schilderung vermisse, ist der Standpunkt deiner Freundin!
Hast du den unterschlagen oder kennst du ihn gar nicht wirklich?

MfG Peter(TOO)

Hallo Herbert,

lass dich loben. Du bist fähig, zu reflektieren. Eine gewisse Distanz zu Dir einzunehmen und dich, wenn auch nicht immer in genau dem Moment wo es wichtig wäre, sondern erst im nach hinein zu beobachten. Das ist der richtige Weg. Das zu können auch in anderen Situationen wäre vielleicht ein Ziel für Dich.

Zudem ist es sicher kein Charaktermangel, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sich bewusst werden, was man tut, und die Folgen abzuschätzen.

Andererseits ist es nicht weniger spannend an Deiner Freundin festzustellen, dass es auch ohne geht. Diese Erkenntnis hat dich vielleicht erst überhaupt darauf gebracht, dich selbst aus der Beobachterperspektive zu reflektieren.

Wichtig ist der Moment. Dann zeigen sich die jeweiligen Vorzuüge und Nachteile. Ergänzt sich doch prima.

Gruß _ mki _

Danke
für eure Anregungen.
Es wurde nach dem Standpunkt meiner Freundin gefragt. Sie wünscht sich einerseits auch, weniger Fehler zu machen, würde auch gerne fehlerfrei schreiben oder nichts vergessen, denn gerade letzteres sind natürlich ärgerliche Ineffizienzen, die Zeit und Nerven rauben.
Aber andererseits ist es für sie alles halb so schlimm. Dass ich so bin, wie ich bin, ist für sie nicht optimal. Sie ist zwar gelegentlich genervt, empfindet meine Genauigkeit aber nicht als gravierenden Mangel.

Hallo Herbert,

trotz extremer Verspätung hat mich dein Thema interessiert und zum Nachdenken angeregt, da wollte ich es doch noch hinschreiben, vielleicht liest du es ja noch:smile:

die vielen Fehler meiner Freundin nerven mich

Aber andererseits ist es für sie alles halb so schlimm. Dass ich so bin, wie ich bin, ist :für sie nicht optimal. Sie ist zwar gelegentlich genervt, empfindet meine Genauigkeit aber nicht als gravierenden Mangel.

Wie du das so schreibst, zeigt das ganz gut, dass die Fehlertoleranz deiner Freundin, sowohl was ihr eigenes, als auch was dein Verhalten betrifft, relativ locker ausgeprägt ist.
Die Toleranz sich selbst gegenüber und die Toleranz anderen gegenüber sind ein zusammengehöriges Pärchen, das sich oftmals analog verhält.

Folgende Frage, die sich für mich daraus ergibt, kann ich nicht beantworten:

Lässt sich die Fehlertoleranz einem anderen gegenüber verbessern oder lockern, ohne eine gleichzeitige Verschiebung der Fehlertoleranz sich selbst gegenüber?

Vielleicht trägst du ja auch an deine Freundin etwas heran, was du selbst erfahren hast und was dich zu jenem Perfektionisten hat werden lassen, der du heute bist.
Das können Gefühle von Unzulänglichkeit, fehlende Toleranz für deine eigenen individuellen Charaktereigenschaften sowie überhöhte oder nur schwer erfüllbare Anforderungen gewesen sein.

Das ist nur eine Vermutung aber viele vermeintliche Stärken bergen i.d. R. auch eine Schwäche in sich.

So hat deine perfekte Organisation gepaart mit gewissen Versagensängsten auch ihre Schattenseiten.

Und die mangelnde Alltagsstrukturierung deiner Freundin als Schwäche, gepaart mit ihrem Vertrauen und der lebendigen Sicherheit, dass im Leben trotzdem alles gutgeht, wird zu einer ihrer Stärken.

Es hebt sich alles gegenseitig auf.
Vielleicht kannst du die Grenzen einseitiger Kategorisierung von Stärke und Schwäche etwas aufweichen.

„Nörgelei“, egal ob du sie gegenüber deiner Freundin äußerst, oder teilweise nur für dich in Form negativer Gedanken über sie exerzierst, folgt auch einem Lustprinzip.
Es kann gut sein, dass dir etwas fehlen würde, wenn du dein genervt sein einfach bleiben ließest :smile:

Ganz witzig, vielleicht hilfreich fände ich in Momenten in denen dich dein genervtsein zu beherrschen droht, wenn du deine „Anschuldigungen“ gedanklich karikiert überziehst und völlig übertreibst, so dass sie absurd werden.

Würde dein eigener Perfektionismus für dich an Wert verlieren, wenn er nicht zugleich mit der Intoleranz gegenüber einem gewissen laissez-faire verknüpft wäre?

Auch Selbstentlastung, Selbstbestätigung können eine Rolle spielen.

Abschließend eine dringende Bitte: Rede ihr nicht ein, dass sie fehlerhaft sei, das würde ihr Selbstwertgefühl auf Dauer belasten.

Viele Grüße
Heidi