Hallöle,
Hallo,
Da du fragst, was wir meinen, hier meine Meinung…
leider muß ich in letzter Zeit immer wieder feststellen, daß
der erweiterte Infinitiv mit „zu“ immer öfter einem solchen
mit „zum“ weicht. Da wird man beim Aufgeben der Bestellung im
Restaurant nicht mehr gefragt: „…und zu Trinken?“, sondern
„…und zum Trinken?“. Das ist so ähnlich wie bei „Im tiefen
Schmerz“ (statt „In tiefem Schmerz“) auf der Trauerschleife
oder in Toshibas Werbung für ihr neuestes Notebook „Im
atemberaubenden Weiß“ statt „In atemberaubendem Weiß“ („Im“
steht immer für „in dem“ und nie für „in einem“).
Du unterliegst einem Irrtum, wenn du glaubst, das sei ungrammatisch. „Zum“ ist zwar die Kurzform für „zu dem“, aber nicht immer sind diese beiden Formen austauschbar. Wenn du sagst: „Ich gehe zum Bäcker“, klingt das normal, „Ich gehe zu dem Bäcker“ klingt total seltsam, wenn dahinter nicht noch ein Relativsatz kommt.
Du lädst ja auch Leute „zum Essen“ ein, und nicht „zu Essen“. Warum sollte man dann nicht fragen, was man „zum Trinken“ möchte? Oder: „Das ist nur zum Ansehen gedacht.“ — das kannst du weder durch „zu“, noch durch „zu dem“ ersetzen.
Es ist auch nicht der Fall, dass alle Instanzen von nominalisierten Infinitiven nun plötzlich definit werden. Niemand, auch kein Ossi, würde sagen: „Was gibt’s’n da zum Glotzen?“.
Ich wage auch zu bezweifeln, dass das Phänomen – so es denn überhaupt existiert und nicht, wie ich denke, schon immer der Fall ist – auf den Osten Deutschlands beschränkt ist.
Leider habe ich, wenn ich Ossies sprechen höre, immer wieder
den Eindruck, daß derartige sprachliche Verunstaltungen aus
den Ostgebieten zu uns herüberschwappen. *wegduck*
Hier im Osten sagt und denkt man das gleiche über die Wessis. Ich höre meinen Vater oft von „Wessideutsch“ reden. Naja, find ich beides nicht gut.
Aber zurück zum Thema:
- Es sind keine sprachlichen Verunstaltungen, es ist die ganz normale Sprechweise der deutschen Varietäten hierzu(bundes)lande. Es ist keine Schludrigkeit, wenn Endungen wegfallen oder Wörter zusammengezogen werden, es ist auch keine Dummheit, Faulheit, Unwissenheit oder Verunstaltung, wenn Wörter hier anders ausgesprochen oder benutzt werden, da die Dialekte nun mal so sind, wie sie sind. Sie basieren ja nicht auf dem Hochdeutschen und sind nicht aus ihm entstanden.
- Im „Westen“ ist es genauso, dort gibt’s auch regionale Eigenheiten, die es bei uns im Osten nicht gibt. In Norddeutschland sagen die Leute teilweise „Ich erinnere das“, das findet man auch in Sachsen seltsam. Viele Wessis sprechen „er“ wie „a“ aus und sagen „Wassa“, das klingt in sächsischen Ohren auch oft komisch, da man bei uns das -r eindeutig hören kann. Im Ruhrgebiet wird verstärkt „das Kommentar“ gesagt und dort kommt auch der rheinische Infinitiv her („Ich bin am Lesen“), der nun auch hier im Osten längst Gang und Gäbe und voll akzeptiert ist. „Ich habe hier eine Zeitung zu liegen“ wird in Ost-, wie in Westberlin benutzt. Waren es nicht die Schwaben, wo es „das Teller“ und „der Butter“ hieß?
Und so weiter und so fort… jede Region hat ihre Eigenheiten. Nirgendwo in Deutschland spricht man reines Hochdeutsch und nicht erst seit der Wende beeinflussen sich die Dialekte gegenseitig. Orientalismen wie Okzidentalismen (wenn ich sie mal so nennen darf) verbreiten sich auch jenseits von Hüben und Drüben. - Eher zu Beklagen ist das langsame Aussterben der Dialekte, was sowohl für den Osten als auch den Westen zutrifft.
Darüberhinaus empfinde ich es als wirklich unangenehm zu
hören, wie bei vielen Ossies, aber auch bei vielen
Süddeutschen stimmhafte Konsonanten sehr häufig durch
stimmlose ersetzt werden und umgekehrt. Aus „drei“ wird
„trei“, aus „Diskussion“ „Diskusion“, aus „geil“ „keil“.
Das ist allein Geschmackssache. Die wahre phonetische Repräsentation lasse ich mal außen vor, denn entgegen vieler Vorstellungen wird z.B. „kaufen“ nicht als „goofen“ ausgesprochen, sondern als „koofen“, es ist also etwas komplizierter.
Mit der „drei“ als „trei“ hast du aber völlig Recht. Auch oben hätte ich vll. eher „Klotzen“ schreiben sollen. Egal. Details.
So ist eben die Aussprache hier. Ich könnte auch scheußlich finden, wie die Wessis (ihre schere jetzt wie du einfach mal alle über einen Kamm) das „er“ nicht ‚richtig‘ aussprechen können oder wie ihr nicht in der Lage seid, ein „g“ richtig auszusprechen und -s am Ende manchmal zu -t wird („komischet Jedöns“) oder wie die Norddeutschen immer „s-t“ und „s-p“ getrennt sprechen.
Aber das sind eben die lokalen Eigenheiten. Das Hochdeutsche ist auf beiden Seiten der Ex-Grenze das gleiche.
Du siehst (hoffentlich), worauf ich hinauswill. Wir Ostdeutschen sprechen nicht schlechter oder besser Deutsch als ihr Westdeutschen, wir sprechen nur *anders*. Hochdeutsch ist auch nur ein künstlicher Dialekt, der zum Standard nominiert wurde, und nicht die Grundlage oder der Maßstab der „korrekten“ Aussprache.
Wenn’sch asso Sächs’sch spräsche, dann is das nisch „falsch“, sondorn nur andorsch.
Sorry, aber das mußte mal raus. Was meint Ihr?
Etwas anderes, wie du siehst.
Gruß, Uwe
Grüße,
- André (aus Leipz’sch)