Die theologischen Unterschiede sind das Eine. Meines Wissens kommen auch noch Unstimmigkeiten bezüglich der Reisen dazu. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, wie es sein kann, daß zwei Leute (Paulus + Lukas), die gemeinsam unterwegs waren, so unterschiedliche Reiserouten berichten. Solche „harten Fakten“ sollten eigentlich übereinstimmen.
Auf der anderen Seite liegen wohl zwanzig bis dreißig Jahre zwischen den Reisen (und der Entstehung der Paulusbriefe) und der Niederschrift der Apostelgeschichte. Da kann auch manches durcheinandergeraten - nicht zuletzt, weil in der Apg unterschiedliche, schriftliche Quellen erahnbar sind => möglicher Weise hat sich der eigentlich Augezeuge „Lukas“ später auch auf andere Berichte gestützt, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen (interessanter Weise scheinen die Paulusbriefe selbst allerdings nicht zu seinen Quellen zu gehören).
Ich denke, daß man die deutlichen Abweichungen zwischen Paulusschriften und der Apg irgendwie erklären muß. Aber die Annahme mancher Theologen, nur was 100%ig einheitlich ist, kann auch zusammenpassen, teile ich persönlich nicht*. Menschen können ihre Einstellungen und Meinungen mit der Zeit ändern, sich irren und Fakten durcheinanderbringen… und das kann - wie ich meine - ein Grund dafür sein, daß ein echter Paulusbegleiter mit zwei oder drei Jahrzehnten Abstand die Dinge anders schildert, als Paulus es zeitnah selber getan hat.
Martinus
*Meine persönliche Meinung: Die Trennung des Verfassers von der Person des Paulusbegleiters ist eine Erkenntnis der historisch-kritischen Exegese. Die Stärke dieser Methode ist, daß sie biblische Texte als literarische Größe ansieht und entsprechend untersucht. Dabei fallen dann sprachliche und inhaltliche Widersprüche auf und müssen erklärt werden. Ihre Schwäche ist in meinen Augen, daß sie zum Teil von Voraussetzungen ausgeht, die theoretisch schick, praktisch aber unrealistisch sind - wie eben die Annahme, ein Paulusbegleiter dürfe in seinen Berichten nicht so stark vom Erlebten abweichen, wie Paulus selbst es berichtet. Außerdem gab es auch in der Theologie die „Anti“-Bewegung, in der es chique war, alles, was über Jahrhunderte als „richtig“ angesehen worden war, als „falsch“ zu widerlegen. In vielen Punkten lag man damit sicher richtig - aber nicht zwangsläufig in allen; auch das darf man meiner Meinung nach mit ins Kalkül ziehen, wenn man über die Verfasserfrage der Apg nachdenkt.
P.S. Quellen: P. Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur, 1975; K.-W. Niebuhr (Hrg.), Grundinformation Neues Testament, 2000.