Hallo Horst,
Schon lange frage ich mich, wie gewisse Tendenzen in der
Esoterik mit unseren Auffassungen von Moral und Ethik
vereinbar sind. Einführend dazu ein Zitat von Rüdiger Dahlke,
einem der deutschen Vorzeige-Esoteriker:
„Da wir jedoch auf dem esoterischen Weg … die gesamte
Verantwortung für unser Schicksal übernehmen müssen, ist es
naheliegend, …usw.“
Das ist eine von vielen Textstellen aus esoterischen Büchern,
die zum Ausdruck bringen, daß der Mensch alles, was ihm
widerfährt, selbst zu verantworten hat, anders gesagt, er hat
es - irgendwie - selbst verursacht.
Ich halte das für Bullshit und für tendenziell gefährlich. Es
verführt zu einer amoralischen Haltung gegenüber Mitmenschen.
Ich kenne einige Leute, die der Auffassung sind, daß z.B. ein
Unfall, der einer Person widerfährt, „karmisch“ bedingt und
somit ein verdienter Schicksalsschlag ist. Dann heißt es
schnell: „Na, der oder die wird in einem früheren Leben mal
Mist gebaut haben, das rächt sich jetzt.“
Die Auffassung, dass ich die volle Verantwortung für mein Leben übernehmen muss, also auch die volle Verantwortung für alles was mir widerfährt - ob gut oder schlecht, hat für mich zunächst einmal den
Kern, dass ich nicht hin gehen kann und „Schuld“ bei jemand anderem
suche.
Das muss nicht losgelöst von ethischen Grundsätzen sein.
Ich bin z.B. durch meine Kampfkunst (seit 20 Jahren) zu einem Taoist geworden, der als einziges „Gebot“ die Richtlinie des „Nicht Verletzens“ hat (im weitesten Sinne).
Damit kann ich für mich sehr gut leben. Vor allem bin ich nicht ein Blatt im Wind, abhängig von Schicksal, guten oder bösen Geistern, dem
Wohlwollen von Heiligen oder sonst etwas.
Wenn bei mir etwas nicht so läuft im leben wie ich es für Erlebenswert halte, dann setze ich mich hin und gehe in mich - meditiere - und suche die Ursache zuerst einmal in mir, in meiner Sichtweise oder allgemein in meinem Leben.
Gefördert werden solche kaltherzigen Statements natürlich
durch die Steilvorlagen aus der esoterischen Literatur (z.B.
durch Dahlke und Dethlefsen). Sinn dieser Strategie ist es,
Schuldgefühle, die irgendwo jeder Mensch hat, zu
instrumentalisieren - eine Marketingstrategie, um mehr
esoterische Klientel herbeizulocken?
Das kann ich nun nicht nachvollziehen,
Das Problem bei alldem ist ein falsch konzipierter bzw. falsch
verstandener Karma-Begriff. Karma ist die psychologische
Disposition einer Person, die sich bei einer (evtl.)
Wiedergeburt auf den neuen Bewußtseinsträger überträgt.
Das hat nicht unbedingt was mit der Wiedergeburt zu tun.
Ich möchte Karma mal so definieren:
Wenn ich Zitronenbäume pflanze wachsen Zitronen daran und keine Äpfel.
Mit Unfällen, Krankheiten etc. hat Karma, jedenfalls generell,
nichts zu schaffen.
Doch - z.b. wenn ich Rauche - dann ist die Konzequenz, dass ich die negativen Folgen zu tragen habe. Das verstehe ich unter Karma.
Nehmen wir den Schicksalbegriff der Esoterik wörtlich, dann
hatten alle Insassen der Konzentrationslager ihr Leid selbst
zu verantworten, und zwar uneingeschränkt.
Amoralischer geht´s nimmer, denke ich.
Ich möchte mal das ganze auf einen einzelnen Menschen beziehen - nicht auf ein Kollektiv.
Beim einem Individuum ist es schwer und kompliziert genug zu erkennen
worin sich die Dinge begründen die dem Individuum widerfahren.
Nagarjuna propagierte den Mittleren Weg. Auch der
Karma-Begriff sollte in der Mitte liegen zwischen reiner
Selbstverursachung und reiner Fremdverursachung. Alles andere
ist gedankenlose Vergewaltigung der Wirklichkeit.
Darüber kann man nachdenken.
Viele Grüße
Hagen