Hallo Viktor,
…
Doch Proklamation und Realität sind immer noch im Widerspruch.
Woher soll ein Nichtjude (seit tausenden von Jahren) erfahren
haben daß er diese 7 Gebote halten muß und wie ist ihm die
Akzeptanz solcher Gesinnung nahe gebracht worden ohne
Missionierung ?
Interessanterweise sind die noachidischen Gebote bzw. große Teile davon Bestandteil diverser ethischer Kodifizierungen und gehören heutzutage zum Grundrepertoire vieler Gesellschaften - ganz ohne das, was in christlichen Kontexten unter „Missionirung“ läuft.
Wenn man ohne Missionierung auskommt, heißt das ja nicht, daß man sich in die eigene Gruppe hinein abschotten muß und nichts von den eigenen Werten kommuniziert.
Die Juden haben nie missioniert,
fast nicht
- nur eine relativ kurze Zeit in der jüdischen
Geschichte, aber das ist bei deren Länge „quantité négligable“ -
so um die Zeitenwende herum war es.
Und zu dieser Zeit gehörte im Römischen Reich jeder Zehnte der jüdischen Religion an (so groß war der Zulauf!)
sie haben keine Botschaft für die
Menschheit - nur für sich.
Eine Botschaft im Sinn des Christentums haben wir tatsächlich nicht, aber einen Auftrag , nämlich Licht für die Völker zu sein und die Welt zu einem besseren Ort zu machen als sie ist, wofür der Fachbegriff „tikkun olam“ wäre - und zwar so weitreichend wie möglich (also nicht nur innerjüdisch). Deshalb ist es egal, ob Tsunami im indischen Ozean, Erdbeben in Haiti oder Überschwemmung in New Orleans, Hilfskräfte aus Israel bzw. von jüdischen Organisationen gehören meist zu den ersten vor Ort. (Die israelischen Rettungshundestaffeln haben im internationalen Rettungswesen einen legendären Ruf.)
Wenn eine jüdische Frau einen solchen Nichtjuden, der eine
solche „Heiligkeit“ wie ein hoher Priester erlangt hat
heiratet,
der also selbst kein Jude wird, wird sie verstoßen - oder ?
Im Einzelfall vielleicht, aber nicht als Regal. Wie kommst Du auf sowas?
Ich denke, es gibt in allen religiösen Kontexten Familien, die rigide reagieren, wenn die Kinder gegen die Familienwünsche heiraten.
„Mischehen“ hat es auch zu biblischen Zeiten schon gegeben.
Tendenziell wird in liberal religiösen Kontexten eher „herausgeheiratet“ als in konservativeren.
Der Prozentsatz gemischter Ehen in modernen Gesellschaften ist allgemein sehr hoch - auch in jüdischen Kreisen - einfach, weil es viele Begegnungs- und Kennenlernmöglichkeiten gibt, die früher nicht gegeben waren.
Wenn man sich deutlich macht, dass im Judentum das Handeln das zentrale Moment ist und nicht, was und wie jemand im Detail glaubt, dann wird deutlich, dass der gemeinsame Alltag eines Paares schon bei Fragen, wie das in der Küche läuft (koscher essen), vor den ersten Herausforderungen steht. Bedingt durch die kulturellen Prägungen ist es selbst bei sehr wenig religiösen jungen Juden so, dass sie bei Umfragen sagen, sie bevorzugen einen jüdischen Partner.
Für Dich sind solche Feststellungen natürlich wieder
antijudaistisch.
???
Ein Nicht-Jude ist aus
jüdischer Sicht kein minderwertiger Mensch. Jede/r ist im
Ebenbild G-ttes geschaffen.
Aber eine jüdische Frau soll er nicht bekommen.
Wer sagt das? In meiner Synagoge gibt es eine ganze Reihe Frauen, die mit nicht-jüdischen Männern zusammen bzw. verheiratet sind.
Dass es häufig Menschen mit christlichen Hintergrund sind, die
eine Minderwertigkeit von Nichtjuden aus jüdischer Sicht
unterstellen läßt mich vermuten.
Nein, wird nicht unterstellt,aber die Bewahrung der eigenen
Identität
der Juden und der ethnischen Zugehörigkeit zum Volk Gottes
wird schon forciert.
Nun, die Frage, wie die Identität der eigenen Gruppe bzw. die Gruppe an sich Bestand hat, ist für jede Minderheit eine, um die sie nicht herumkommt. Und gerade nach dem Holocaust hat diese Frage für Juden, die in den betroffenen Gesellschaften leben, eine besondere Brisanz.
Dies gibt es so bei keinem Volk (in Verbindung mit
religiöser Identität) wie bei dem jüdischen Volk.
Mir fehlen die Einblicke und Vergleichsmöglichkeiten um das umfassend einordnen zu können. Mein Eindruck ist aber, daß es bei christlich-orthodoxen Griechen ganz ähnlich läuft.
Abgesehen davon spielt wohl auch die Diaspora-Situation eine Rolle - egal ob nun für Juden oder andere.
Viele Grüße
Iris